AFET: Vortrag 1 – Das AT und die Ethik

Ich bin gestern zur AFET-Konferenz gefahren. Nach vier Jahren im Gemeindedienst habe ich eine intensive theologische Beschäftigung etwas vermisst. Darum dachte ich, es wäre gut, sich zu einer strikt theologischen Studientagung anzumelden.
AFET ist der Arbeitskreis für Evangelikale Theologie und stellt so etwas wie den akademisch-theologischen Arm der Evangelischen Allianz dar. Alle zwei Jahre treffen sich Mitglieder und Interessierte zur theologischen Studienkonferenz in Bad Blankenburg. Ich selbst bin zum ersten Mal dabei.

Das Oberthema dieser Konferenz lautet „Und er schuf sie als Mann und Frau“. Angeregt von den Debatten um Gender Mainstreaming wollen wir uns diesem Thema während der Konferenz von theologischer Seite nähern.

Den Anfang hat Julius Steinberg von der Theologischen Hochschule Ewersbach gemacht. Er hat einen Vortrag zum Thema Die Relevanz der Anthropologie des Alten Testaments für die christliche Ethik. Angesichts des Oberthemas konzentrierte sich der Referent dabei vor allem auf die Frage der Geschlechtertheologie und -ethik im Alten Testament.
Am Anfang gab es einige einleitende Anmerkungen über das Thema „Sex“ und „Gender“ allgemein. Dann kam der Referent auf einige grundlegende hermeneutische Fragen über die Beziehung von Altem und Neuen Testament und die Rolle des Alten Testaments für die Ethik zu sprechen.
Ein sehr wichtiger Gedanke, der dabei durchkam, war die Aussage, dass das Neue Testament in seinem ethischen Denken fast uneingeschränkt auf der bleibenden Grundlage der Schöpfungstheologie des Alten Testaments steht. Die Schöpfungsordnung ist damit auch für die christliche Ethik weiterhin ein maßgeblicher Orientierungspunkt.

Im Hauptteil des Vortrags sammelte der Referent Beobachtungen aus der Urgeschichte, der Weisheitsliteratur, der Gesetzes- und Erzähliteratur zum Thema. Dabei eröffnete er durch seine Beobachtungen eine interessante Perspektive auf das Verhältnis von „Sein“ und „Sollen“. Sie stehen nicht in Widerstreit zueinander, sondern das „Sein“ – also die Art und Weise wie ich als Mensch geschaffen worden bin – ermöglicht das „Sollen“ – die Art und Weise wie ich handeln kann und soll. Das „Sein“ eröffnet einen „Daseinsraum“, den ich in gewissen Grenzen eigenständig gestalten darf und soll.
Das gilt auch für die Frage des Geschlechts. Aus meiner biologischen Veranlagung (Sex) ergeben sich Konsequenzen, aber auch Möglichkeiten und Freiräume für mein soziales Geschlecht (Gender), das sich im menschlichen Miteinander ausprägt.

Dabei legt das Alte Testament weder eine strikte Schwarz-Weiß Trennung der Geschlechter vor, mit einer festen Abgrenzung der Rollenvorstellungen. Auf der Anderen Seite leugnet das AT aber auch nicht, dass es einen Unterschied von Mann und Frau gibt und lässt auch erkennen, dass dieser Unterschied in verschiedenen Rollenvorstellungen münden kann.

Dem Referenten ist es dabei gelungen, sehr feinfühlig diese Zwischentöne bei den Rollenvorstellungen im AT herauszuarbeiten. Das AT ist weder beliebig, noch starr-monolithisch bei der Beschreibung und bei der Vorgabe für die Geschlechterrollen. Gleichzeitig finden wir im AT auch viele Hinweise dafür, dass Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern als negativ empfunden werden und abgebaut werden sollen. Diese Ungerechtigkeiten sind teilweise Folge des Sündenfalls. Sie sind aber nicht Handlungsvorgabe, sondern eine Last und ein Problem – eben ein Fluch – mit dem man sich einerseits arrangieren muss, den man andererseits aber auch kompensieren soll.

Das Gesamtfazit lautet: Wir finden im AT sehr wohl gewissen Rollenvorstellungen, die sich z.T. auch von der Schöpfungsordnung her ableiten lassen. Aber diese Rollenvorstellungen ermöglichen einen Handlungsspielraum, den man kreativ nutzen darf und soll. Gleichzeitig bedeutet eine Aufteilung in Rollen nicht, dass sich daraus eine Hierarchie ergeben muss, die in Ungerechtigkeiten mündet. Mann und Frau begegnen sich auf Augenhöhe – aber eben in dieser Polarität als Mann und Frau.

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