Die „Lügenpresse“ meldet sich zu Wort

Auf der Webseite Lügenpresse.de melden sich 20 Journalisten per Video zu Wort und wehren sich gegen den Lügenpresse-Vorwurf, der in den letzten Monaten immer wieder erhoben worden ist.

Marcus Klöckner reflektiert die Videos sehr ausgewogen und selbstkritisch auf Telepolis. Unter anderem kritisiert er einige Videos, die einen naiven Journalismus postulieren, der so der Realität nicht entspricht und den Journalismus-Kritikern direkt in die Hände spielt. Da ist zum Beispiel die Aussage von Tobias Wolf von der Sächsischen Zeitung: „Wir schreiben, was ist“.

Dazu Klöckner:

Wenn etwa ein Journalist der Sächsischen Zeitung sagt, dass „wir schreiben, was ist“, wird mit einer sloganartigen Formulierung der hochkomplexe und zugleich mit vielen Problemen beladene Prozess der journalistischen Realitätsabbildung und Realitätsschaffung außer Acht gelassen. So wenig wie ein Bild wirklich die Realität unverzerrt abbilden kann (z.B. bestimmt alleine bereits der Ausschnitt, was zu sehen, was nicht zu sehen ist), so wenig kann ein Journalismus maßstabsgetreu zeigen, „was ist“.

Das, was an den Leser, den Zuschauer, den Hörer herangetragen wird, also das, „was (angeblich) ist“, ist sehr stark vom Blick, der darauf veranschlagt wird, geprägt. Filter, die sich alleine schon durch die verschiedenen Formen der Sozialisation entwickelt haben, lenken oft genug den Blick der Akteure, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Diese Einflüsse machen sich schließlich, auf die eine oder andere Weise, auch in dem bemerkbar, was auf journalistische Weise „gezeigt wird“. Wer sagt, dass Journalisten zeigen können „was ist“, überschätzt nicht nur weit die Möglichkeiten, die Medien haben, er ignoriert auch eine Kritik, die hinterfragt, wie objektiv Journalismus überhaupt sein kann.

Mit einer so vereinfachenden Beschreibung der journalistischen Arbeit wie Wolf sie präsentiert tut sich die Zunft selbst keinen Gefallen.

Genauso auch eine Aussage darüber, dass Medien nicht „gesteuert“ wären.

Dazu Klöckner:

Der Vorwurf einer „gesteuerten Presse“ wird als unhaltbar abgetan, weil sich die persönliche Erfahrung, die besagt, dass „niemand steuert“, man weitestgehend freie Hand bei der Berichterstattung hat, dem Vorwurf entgegenhalten lässt. Ausgeblendet wird so allerdings, dass die Vorstellungen von so manchem Medienkritiker, die Presse müsse von einer Art unsichtbaren Hand geführt werden, nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Wer sagt, dass „die Medien“ nicht gesteuert werden, blendet aus, dass auch „freie Medien“ einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt sind, die direkte und indirekte Auswirkungen auf Programme, auf den Journalismus, auf Berichterstattung haben.

Und weiter:

Doch diese „Eingriffe“, die hier vermutet werden, gehen nicht auf eine verschworene Gruppe zurück, die hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hält. Die Homogenität, die Einseitigkeit, die Voreingenommenheit in der Berichterstattung hat vielmehr mit einem journalistischen Feld zu tun, dessen Zusammensetzung selbst alles andere als ein Musterbeispiel für soziale Vielfalt ist. Immer wieder haben Studien aufgezeigt, dass das journalistische Feld seine Mitglieder vor allem aus den gehobenen Schichten der Gesellschaft rekrutiert. Anders gesagt: Insbesondere auf den oberen Rängen in den Medien finden sich viele Akteure, die mit einem sehr ähnlichen Blick auf die Welt und die Gesellschaft schauen.

Aufschlussreich ist dazu auch ein Interview im Kölner Stadtanzeiger Serdar Somuncu:

Somuncu: Das Thema wird sehr ungern in Deutschland besprochen, aber es ist Realität, es gibt Zensur.  Und das spielt leider sogar denen in die Karten, die „Lügenpresse“ schreien. Es wird viel selektiert, es wird gestrichen und zensiert. Redakteure bestimmen über den Geschmack der Leute. Und wenn es eine Instanz gibt, die bestimmt, was gesendet wird, dann ist das kein internes Verfahren zur Qualitätssicherung, sondern Manipulation von Bildern und Aussagen.  Ich habe das an vorderster Front erfahren. Weil ich die mir zugedachte Rolle des Pöbel-Türken irgendwann nicht mehr spielen wollte.

Wo haben Sie das erlebt?

Somuncu: Am schlimmsten ist es bei den Öffentlich-Rechtlichen, wo auch noch ein institutioneller Druck existiert. Beim WDR etwa wird wie im Politbüro zensiert. Da werden eigene Befindlichkeiten zum Maßstab dessen gemacht, was später zu sehen ist. Das ist ein Unding. Da muss man als Künstler sagen: „Ihr profitiert von uns. Ihr nehmt unsere Kunst und steckt sie euch in die Tasche. Und verdient an uns sogar Geld. Dann respektiert uns auch.“ Und das tun viele Leute nicht. Man mutet den Künstlern zu viel zu. Und die Künstler sind leider oft zu ängstlich. Totalitäre Systeme funktionieren immer nur über Angst.

Es gibt aber auch positive Ausnahmen auf Lügenpresse.de:

Die Aussagen in den Videos sind dann aber zumindest teilweise doch differenzierter, als es die Webseite auf den ersten Blick vermuten lässt. So erkennt etwa Anne Fischer vom Online-Magazin Sputnika, dass „im Journalismus nicht alles ok“ ist, und bemerkt, dass es eine „breite Masse“ an Menschen gibt, die sich von den Medien nicht mehr repräsentiert fühlen.

Die freie Journalistin Doreen Reinhard führt außerdem aus, dass man durchaus auch mit den Kritikern auf der Straße reden könne, wenn das Geschrei von der Lügenpresse abgeebbt sei.

Peter Stawowy, der ehemalige Chefredakteur der Jugendzeitschrift Spiesser, weiß davon zu berichten, dass er im Zusammenhang mit dem „Projekt Spiesser“ einmal beobachten konnte, wie viele Medien einem Bericht des Leitmediums Spiegel einfach gefolgt sind, ohne diesen eigenständig zu hinterfragen. Außerdem regt er an, dass seine Zunft den Vorwurf von der Lügenpresse auch aufnehmen könne, um die eigene Arbeit einer selbstkritischeren Betrachtung zu unterziehen.

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