Hebräer 1,1-2

Hebr 1,1-2: Wiederholt und auf verschiedenste Weise hat Gott in der Vergangenheit zu den Vätern durch die Propheten gesprochen; jetzt aber, in diesen letzten Tagen, hat er zu uns durch den Sohn geredet. Diesen hat er dazu bestimmt einmal alles zu erben. Durch den Sohn hat er aber auch alles erschaffen, das was war, ist und noch sein wird.

Gott wird hier als der sich den Menschen offenbarende Gott vorgestellt. Er hat schon immer zu den Menschen geredet. Er hat schon immer den Kontakt zu ihnen gesucht. Wieder und Wieder, unabhängig davon, wie die Menschen auf sein Reden reagiert haben.

Und in seinem Bestreben, sich dem Menschen zu offenbaren, ist er immer sehr flexibel gewesen. Ich weiß nicht, ob man zu viel hineinlesen sollte, aber ich finde es interessant, dass der Autor des Briefes hier das Wort „λαλέω“ für das Reden Gottes verwendet, und nicht etwa ευαγγελιζω (die gute Nachricht verkündigen) oder κερυσσω (predigen / einen Sieg verkündigen). λαλέω umschreibt das allgemeine Sprechen, ohne eine besondere Form des Redens im Sinn zu haben. Und wer in das Alte Testament hineinsieht, der wird erkennen, dass Gott tatsächlich die verschiedensten Formen des Redens gebraucht hat, um seine beabsichtigten Inhalte zu transportieren. Er hat mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht gesprochen, in einem brennenden Dornbusch, durch Propheten und er hat sogar einen Esel reden lassen.

Das ist aber das damals. Der Hebräerbrief macht  deutlich, dass in diese Offenbarungslinie Gottes etwas neues hereingebrochen ist. Es ist einerseits eine Fortführung des Bestrebens Gottes, sich den Menschen zu offenbaren. Es ist auf der anderen Seite aber auch etwas neues und endgültiges, das hier geschieht. Früher hat Gott vor allem durch Mittler oder verborgen hinter Naturelementen mit den Menschen gesprochen. Durch Jesus Christus aber ist er jetzt ganz unmittelbar zu den Menschen gekommen, um ihnen seinen Willen zu offenbaren.

In der Beschreibung durch den Autor wird deutlich, dass mit diesem Neuen auch etwas Abschließendes und Endgültiges angebrochen ist. Jesus ist die Krönung der Offenbarung Gottes. Alles, was vorher kam, war zwar nicht falsch, aber es war nur vorläufig und unvollkommen. Damit beginnt übrigens ein Motiv, das sich durch den ganzen Hebräerbrief ziehen wird.

In dieser Beschreibung der Fortentwicklung der Offenbarung Gottes kann man aus meiner Sicht die Beziehung zwischen AT und NT erkennen. Ich will nicht sagen, dass es so beabsichtigt war, denn das NT war noch gar nicht im Blick als eine zweite Schriftensammlung neben dem AT. Aber zwischen dem NT – als der Schriftensammlung um die Offenbarung Jesu – und dem AT – als der Schriftensammlung auf Grundlage der Propheten – besteht die gleiche Beziehung wie zwischen Jesus und den Propheten. Wer also die Beziehung zwischen AT und NT hermeneutisch angemessen verstehen will, muss es von der Perspektive dieses Textes her tun.

Eine Frage ergibt sich daraus aber: Ist das ganze NT dann Offenbarung Gottes, wenn diese in Christus selbst ihren Höhe- und Endpunkt gefunden hat? Damit bewegt man sich in die Frage hinein, was der Charakter des NT selbst überhaupt ist. Kurzgefasst aus meiner Sicht: Das NT ist eine Reaktion auf die überragende Offenbarung Gottes in Jesus Christus und eine beispielhafte, autoritative und zuverlässige Anwendung dieser Offenbarung in das praktische (Gemeinde-)leben hinein.

Jesus wird durch zwei Beschreibungen näher vorgestellt. Einmal richtet sich der Blick nach vorne: Jesus wurde von Gott zum Erben eingesetzt. Jesus wird einmal alles gehören. Das unterstreicht die Bedeutung und den Machtanspruch Jesus.

Die zweite Beschreibung bewirkt etwas ähnliches, nur mit dem Blick nach hinten. Jesus wird nicht nur alles erben, durch ihn ist auch alles ins Dasein gerufen worden.

Ich habe „αἰών“ (Welt / Weltzeiten) hier mit „das was war, ist und noch sein wird“ übersetzt. αἰών kann sowohl eine Weltzeit, die Ewigkeit als auch das Universum als Ganzes beschreiben. Mit meiner Übersetzung wollte ich ausdrücken, dass durch Jesus alles ins Dasein gekommen ist, was jemals in welcher Form auch immer existiert hat.

Der Autor wird auch auf diese beiden Beschreibungen zurückkommen, um immer wieder darauf zu verweisen, dass Jesus sowohl der Urheber von diesem und jenem ist, als auch dass er der Herrscher über dieses und jenes ist.

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