🗣 Interview mit Christoph Heilig ĂŒber „God and the Faithfulness of Paul“

Ich habe in meinem Blog bereits auf den Aufsatzband “God and The Faithfulness of Paul” verwiesen. Darin setzen sich verschiedene Forscher kritisch mit dem monumentalen Werk “Paul and the Faithfulness of God” von N. T. Wright auseinander.
Ich hatte die Möglichkeit den Mitherausgeber des Aufsatzbandes – Christoph Heilig – fĂŒr ein Interview zu gewinnen.

Kannst du etwas darĂŒber erzĂ€hlen, wie dieser Band entstanden ist und wie du in die AnfĂ€nge involviert gewesen bist?

Als ich 2012-2013 fĂŒr einen MLitt in „Biblical Languages and Literature“ in St Andrews studierte, hatten wir ein Semester lang jede Woche im Forschungsseminar N. T. Wrights damals noch unveröffentlichtes Manuskript von „Paul and the Faithfulness of God“ zum Gegenstand. Jede Woche bekamen wir einen Ausschnitt zur LektĂŒre und im Seminar trug dann eine Person des Lehrkörpers oder der Nachwuchswissenschaftler eine vorbereitete Erwiderung vor, auf welche Wright dann wiederum eingehen konnte und wir im Anschluss Einzelfragen klĂ€ren konnten. Ich fand dieses sehr konzentrierte, Einzelaspekte in den Blick nehmende, Vorgehen bei einem Werk solchen Umfangs und solcher KomplexitĂ€t sehr gewinnbringend.

Als dann 2013 das internationale Treffen der SBL in St Andrews stattfand, gab es dort eine Einheit, in welcher verschiedene Exegeten kritisch Stellung zu Wrights Manuskript nahmen (diese Kritiken wurden zusammen mit einigen anderen im JSPL veröffentlicht). Das verstĂ€rkte bei mir den Eindruck, dass es hier wirklich viel zu diskutieren gab. Auf der anderen Seite stellte ich schnell fest, dass Rezensionen in Zeitschriften nur sehr bedingt einem solchen Werk Rechnung tragen können, da fĂŒr eine wirklich vertiefte Analyse von zentralen Aspekten kaum Raum besteht. Eine solche Situation ist zu einem gewissen Grad natĂŒrlich frustrierend fĂŒr Autor wie Kritiker gleichermassen. Daher regte ich an, einen Band zusammenzustellen, in welchem Experten zu verschiedenen zentralen Aspekten des Wright’schen Entwurfs Stellung beziehen könnten, um eine fruchtbare Diskussion anzuregen.

Was war deine Rolle als Mitherausgeber bei diesem Werk?

Ich habe mich – in Absprache mit dem Reihen- und den Mitherausgebern natĂŒrlich – um die grobe Konzeption gekĂŒmmert, also darum, welche Autoren wir einladen möchten und welche Vorgaben wir ihnen fĂŒr die Gestaltung ihrer Beitrage machen möchten bzw. welche Freiheiten wir ihnen einrĂ€umen. Ausserdem beinhaltete dies, dass ich – als die BeitrĂ€ge dann eintrudelten – sicherstellte, dass sie inhaltlich gut aufeinander abgestimmt waren – dass es also weder eklatante LĂŒcken noch unschöne Dopplungen geben wĂŒrde – und dass sie, bei aller individueller Verschiedenheit, doch einer gewissen einheitlichen Philosophie des Diskurses folgten und von der QualitĂ€t her auf vergleichbarem Niveau waren.

Mike Bird hat mit seiner grossen Erfahrung einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Projektes beigetragen, indem er stets wusste, wie auf bestimmte Schwierigkeiten und Herausforderungen zu reagieren wÀre.

J. Thomas Hewitt schliesslich hat einerseits durch Feedback an die Autoren und als Kontaktperson zu diesen eine sehr wichtige Funktion inne gehabt und hat andererseits den BÀrenanteil der Formatierungsarbeiten erledigt und ihm kommt das Verdienst zu, dass das Buch nun so schön geworden ist.

Viele BeitrÀge stammen von deutschen Theologen. Das Buch erscheint auch in der renommierten WUNT Reihe. Wie nimmst du die Rezeption der Arbeit von N. T. Wright unter deutschen Theologen auf? Und wie wirkte sich das auf die Entstehung dieser Aufsatzsammlung aus?

Generell lĂ€sst sich gerade in der Paulusforschung ein Auseinanderdriften kontinentaler, d.h. vor allem deutschsprachiger, und angelsĂ€chsischer Überlegungen beobachten. Am deutlichsten ist das wohl im Hinblick auf die „Neue Paulus-Perspektive“ und die „anti-imperiale“ Interpretation des Apostels – zwei Themen, die in Deutschland nur sehr verhalten rezipiert worden sind. DarĂŒber hinaus ist die Wahrnehmung Wrights in den vergangenen Jahren nochmals als bemerkenswert gering zu bezeichnen. Man mag versucht sein, das mit dem Umfang seiner Arbeiten zu begrĂŒnden – aber das ist wohl kaum zielfĂŒhrend, zieht man vergleichend die Seitenzahlen der Publikationen seines Kollegen Jimmy Dunn heran. Nun ist es natĂŒrlich so, dass sich Wright in vielen seiner Thesen von der Post-Bultmann’schen Forschung absetzt – aber auch damit steht er, selbst in vielen Einzelthesen, in einem recht breiten angelsĂ€chsischen Mainstream (das gilt auch fĂŒr so profane Dinge wie die Verfasserschaft des Kolosserbriefes) und hĂ€tte ja durchaus auch im deutschsprachigen Raum AnknĂŒpfungspunkte. Wrights Stil ist fĂŒr deutsche VerhĂ€ltnisse sicherlich ungewohnt und kann in der Übersetzung den Eindruck ĂŒbertriebenen Pathos‘ machen. Will man die literarische QualitĂ€t des Wright‘schen Werkes geniessen, setzt das beim Leser natĂŒrlich eine gewisse Bereitschaft voraus, sich darauf einzulassen, nicht nur einen Forschungsbericht vor sich zu haben, sondern ein StĂŒck weit auch Kunst (die bei Wright Methode ist) auf sich Wirken zu lassen. Persönlich empfinde ich das als erfrischende Abwechslung zur teilweise verquasten und mĂŒhselig lesbaren deutschen Literatur – aber da scheiden sich die Geister natĂŒrlich. Was die hermeneutische Relevanz des Schreibstils angeht, verweise ich auf Oda Wischmeyers Analyse und Wrights Antwort in GFP. 😉 Ein weiterer Faktor mag sicherlich sein, dass Wright ĂŒber signifikante Teile seiner Karriere hinweg aus einem kirchlichen, bzw. zumindest einem nicht primĂ€r akademischen Kontext heraus agiert hat. Zum VerstĂ€ndnis trĂ€gt ausserdem bei, wenn man bedenkt, dass es die spezielle Beziehung von Dunn zu Hengel war, die ihm im deutschsprachigen Raum eine gewisse Sonderstellung hat zukommen lassen, sodass er – völlig falsch – in Teilen der Forschung quasi als alleiniger Urheber der NPP gilt. (Simon Gathercole hat auf diese verzerrte Wahrnehmung in einem hilfreichen Aufsatz hingewiesen: http://neukirchener-verlage.de/artikel/zeige/602.705/.) In gewisser Weise ist die VernachlĂ€ssigung Wrights daher nicht unbedingt ein Sonderproblem, sondern vielmehr Ausdruck einer durchgĂ€ngiger sehr selektiven Rezeption angelsĂ€chsischer Forschung im deutschsprachigen Raum. (Dasselbe gilt natĂŒrlich auch umgekehrt 
)

Ein Ziel des Projektes war sicherlich auch, diesen Missstand zu beheben. Ich bezeichne diese Situation als solchen, weil er in meinen Augen fĂŒr beide Seiten suboptimal ist: Wrights Arbeit zieht viel Kritik auf sich, gerade auch in den Details der BegrĂŒndung. Trotzdem denke ich, dass grosse Synthesen wie die seine fĂŒr den Fortschritt der Forschung von Bedeutung sind, gerade angesichts von immer grösserer Spezialisierung. Wie Theresa und ich in unserem Aufsatz zeigen, ist Wrights Ansatz im besten Sinne „abduktiv“. Das heisst: Er entwirft eine grosse ErklĂ€rung, die möglichst die Gesamtheit der Evidenz integrieren soll. Was dann wiederum vonnöten ist, ist die sorgfĂ€ltige Analyse, ob a) tatsĂ€chlich die Details gut erklĂ€rt werden oder zu sehr vereinfacht wurde und b) die Hintergrundannahmen des Paradigmas selbst plausibel sind (etwa im Licht von zeitgenössischer Evidenz). Genau da setzt unser Band ein. Er soll damit folglich nicht einfach eine BrĂŒcke sein, welche die bisher unangemessen zurĂŒckhaltende Rezeption im deutschsprachigen Bereich ausgleicht; vielmehr ist der stattfindende Austausch komplexer. Zum einen bekommt Wright ja nicht nur Aufmerksamkeit, sondern ihm wird auch Kritik zu Teil. Letzteres ist ja durchaus auch fĂŒr ihn selbst relevant. Wie seine „Response“ denke ich schön verdeutlicht, hat er gerade in Auseinandersetzung mit BeitrĂ€gen von deutschsprachigen Forschern erkennen können, welche Diskurse er bisher vernachlĂ€ssigt hat, beziehungsweise auch nur, in welchen Punkten bisher MissverstĂ€ndnisse den Diskurs erschwert haben. Zum anderen ist eine solche BrĂŒcke zu Wrights Werk ja auch von einem gewissen Eigeninteresse fĂŒr uns, da auf diese Weise eben auch geklĂ€rt werden kann, wo Wright AnsĂ€tze fĂŒr weitere Forschung liefert und wo wir begrĂŒndet nicht bereit sind mitzugehen. Ich denke, durch den Band wird deutlich, dass wir in der deutschen Forschung Wright zu sehr viel mehr Aspekten berĂŒcksichtigen mĂŒssen, als dies bisher geschieht. Um ein sehr naheliegendes Beispiel zu nennen: Es sollte nicht mehr passieren (ist aber schon vorgekommen), dass deutschsprachige Erörterungen zur NPP den Namen Wrights nicht einmal nennen – obwohl er doch wiederum der Namensgeber dieses Paradigmas ist. Aber auch viel grundlegender werden sich exegetische Arbeiten zu einzelnen Bereichen der paulinischen Theologie beispielsweise damit auseinandersetzen mĂŒssen, dass Wright die klassische Analyse anhand von systematisch-theologischen Topoi ĂŒber Bord wirft und eine ganz andere, aus seiner Sicht frĂŒhjĂŒdische, Systematik ins Spiel bringt. Man wird also nicht mehr einfach diskussionslos zur „Ekklesiologie“ oder „Soteriologie“ des Paulus schreiben können, als wĂ€re es von vornherein klar, dass dies eine angemessene, nicht-anachronistische Kategorie fĂŒr das VerstĂ€ndnis des Gegenstandes ist. WĂ€hrend Wright also durch den Band insofern „profitiert“, dass ihm mehr Aufmerksamkeit in der deutschsprachigen Forschung zukommen wird (sich diese also an angelsĂ€chsische VerhĂ€ltnisse annĂ€hert), profitiert diese wiederum von seinen Anregungen, aber auch von der im Dialog mit seinem Werk verbesserten Positionierung in manchen eigenen Punkten sowie von einer verbesserten DiskursfĂ€higkeit im internationalen Raum.

Auch wenn das ĂŒber Deine Frage hinausgeht: Diese Überlegungen zur kritischen Evaluation des Beitrags Wrights verweist auch auf den dritten Beweggrund fĂŒr den Sammelband, den ich gerne noch anfĂŒhren wĂŒrde. Neben, erstens, der UnzulĂ€nglichkeit anderer Formate (Rezension etc.) und, zweitens, der Kluft zwischen deutsch- und englischsprachiger Exegese kommt, drittens, hinzu, dass der Band in Dialog mit Wrights grossem Entwurf einen aktuellen Stand der Paulusforschung liefert. Er identifiziert auf internationaler Ebene umstrittene Thesen, wie sie bei Wright postuliert – oder vernachlĂ€ssigt – werden und setzt sie in das VerhĂ€ltnis mit anderen massgeblichen BeitrĂ€gen zu der Thematik. Jedes Kapitel liefert damit folglich auch, einerseits, einen Einstieg in zentralen Themen der aktuellen Diskussion und, andererseits, Stoff fĂŒr zahlreiche weitere Forschungsarbeiten. Das macht den Band gerade fĂŒr Nachwuchsforscher weit ĂŒber die Auseinandersetzung mit Wrights Werk selbst hin relevant.

Wie war es mit so berĂŒhmten Theologen und erstklassigen Forschern zusammenzuarbeiten? Ist dir vielleicht ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben?

Da könnte man viele Dinge nennen. Auch wenn das gegenĂŒber der Leistung der anderen Autoren notwendigerweise etwas unfair ist, möchte ich hier kurz den grossen Eindruck exemplarisch herausgreifen, den die Arbeitsmoral der alten Garde auf mich gemacht hat, insbesondere die der beiden Bultmann-Enkel.

Zusammen mit Wayne Coppins habe ich den Aufsatz von Oda Wischmeyer zu Wrights Biblischer Hermeneutik ĂŒbersetzt. Bei dieser detaillierten BeschĂ€ftigung mit dieser Arbeit habe ich ein gutes GespĂŒr dafĂŒr entwickelt, wie viel Reflexion hinter den einzelnen SĂ€tzen steckt. Was mich beeindruckt hat, ist einerseits die Sorgfalt, mit welcher Wischmeyer Wrights Werk gelesen hat – sie hatte ja die schwierige Aufgabe, „zwischen den Zeilen“ zu lesen und herauszukristallisieren, auf welchem Fundament diese vielen Seiten stehen – sondern auch die zu Grunde liegende Bereitschaft, die untersuchte Position in ihrer EigenstĂ€ndigkeit ernst zu nehmen und auch den eigenen Standpunkt im Dialog stets selbsthinterfragend und explizit ins Spiel zu bringen. Ihr Beitrag gehört fĂŒr mich zum Ehrlichsten, was in den letzten Jahren geschrieben wurde und sollte Pflicht sein fĂŒr alle, die sich fĂŒr die VerstĂ€ndigung im internationalen exegetischen Diskurs interessieren.

Auch den Beitrag von Peter Stuhlmacher kann man wahrscheinlich kaum genĂŒgend wĂŒrdigen. Ich denke es ist nicht unfair gegenĂŒber der Leistung der anderen, sondern stellt lediglich sein enormes BemĂŒhen hervor, wenn ich vermute, dass er mehr Zeit auf Wrights Arbeit verwendet hat, als wir anderen Autoren. Von Anfang an war klar, dass es fĂŒr ihn nicht in Frage kam, eine kurz herunter geschriebene Besprechung einzureichen: Wenn er die Aufgabe einer kritischen Perspektive auf Wrights Version der Neuen Paulusperspektive ĂŒbernehmen wĂŒrde, dann wĂŒrde er diese auch mit der gebĂŒhrenden Sorgfalt ausfĂŒhren. Diese Verpflichtung zur Exzellenz aus Respekt vor dem Gegenstand ist eine Tugend, die ich persönlich als demĂŒtigende Mahnung fĂŒr die eigene Arbeit mitgenommen habe.

Wer hat sich den wirklich großartigen Titel fĂŒr den Band ausgedacht?

Ich bekenne mich schuldig 
 um ehrlich zu sein: wir brauchten eben einen Arbeitstitel. Aber je weiter die Arbeit fortschritt, desto klarer wurde es, dass er eigentlich sowohl Wrights Projekt, als auch die unterschiedlichen BeitrÀge in unserem Band ganz gut zusammenfasste.

Du hast bei Wright in St Andrews studiert – wie verhĂ€lt sich diese Erfahrung zu deinen anderen Stationen?

Zusammen mit meiner Frau hatte ich einen Bachelor in Theologie an der FTH Giessen gemacht gehabt. Wir hatten uns dann umgesehen nach einem Programm, das uns erlauben wĂŒrde stĂ€rker unserem bibelwissenschaftlichen Interesse nachzugehen.

Das Programm „Biblical Languages and Literature“ in St Andrews schien uns da sehr gut zu passen. RĂŒckblickend muss ich sagen, dass wir es kaum besser hĂ€tten treffen können. St Mary’s College ist einer der besten Orte auf der Welt, um Theologie zu studieren. Das schlĂ€gt sich nicht nur darin nieder, dass sie regelmĂ€ssig in den britischen Rankings auf dem ersten Platz landen, sondern betrifft auch viele schwer messbare Faktoren, wie die hervorragenden Arbeitsbedingungen, die sehr angenehme AtmosphĂ€re, spezielle Angebote fĂŒr postgraduierte Studenten etc. Im Vergleich zum bisherigen Studium beeindruckte mich vor allem das durchdachte didaktische Konzept, welches durch maximal zwei gleichzeitig stattfindende FĂ€cher und viel Eigenarbeit RĂ€ume liess, um sich vertiefend in die Materie einzuarbeiten und eigene Forschung zu betreiben. Entsprechend konnte ich dort auch mein Buch „Hidden Criticism?“ schreiben, welches sich mit der anti-imperialen Paulusauslegung beschĂ€ftigt, wie sie unter anderem N. T. Wright vertritt. Überhaupt war der starke Fokus auf Forschung – und das Anliegen, fortgeschrittene Studierende an diese heranzufĂŒhren und einzubinden – eine völlig neue, sehr begeisternde, Erfahrung fĂŒr mich.

Nach zwei Semestern Theologiestudium in Göttingen arbeite ich nun am Lehrstuhl von Jörg Frey in ZĂŒrich. Wir haben hier eine sehr rege Arbeitsgruppe in Ă€usserst angenehmem Umfeld. Generell wĂŒrde ich aber schon sagen, dass im deutschsprachigen Raum vieles vom Engagement der jeweiligen Professoren abhĂ€ngt. Grossbritannien ist in der Hinsicht anders: die FakultĂ€ten leben vom Geld, das die Studenten, insbesondere die Promovierenden aus den USA, mit sich bringen und deren Interesse ist wiederum, unter anderem, von den Rankings abhĂ€ngig, welche zu einem signifikanten Teil auf der Zufriedenheit der Studierenden beruhen. Studierende sind daher eher EmpfĂ€nger von Dienstleistungen und das erkennt man auf allen Ebenen an dem deutlichen BemĂŒhen, ihnen etwas fĂŒr ihr Geld zu bieten. Das mag einige negative Seiten haben, aber positiv ist auf jeden Fall die viel geringere AusprĂ€gung des Hierarchie-Denkens, wie es an manchen (!) Orten im deutschsprachigen Raum verbreitet ist, und ein ernsthafte Hingabe fĂŒr Exzellenz in der Lehre und der Betreuung.

Auch wenn die FTH in Sachen Forschung nicht mit den anderen genannten FakultĂ€ten mithalten kann, finde ich aber durchaus, dass sie gewisse QualitĂ€ten hat, fĂŒr die sie sich nicht zu schĂ€men braucht. Zum einen ist die Leidenschaft der Studierenden wirklich bemerkenswert. Es gibt keine Veranstaltung mit externen GĂ€sten, die nicht gut besucht wĂ€re und in welcher die Zuhörer nicht wirklich interessiert bei der Sache wĂ€ren. Ich bereue es heute noch, dass ich den Besuch von Friedrich Avemarie zu Beginn meines Studiums verpasst habe. DarĂŒber hinaus hat man als Student durchaus die Möglichkeit ein breites Spektrum an Meinungen kennen zu lernen und sofern man offen ist fĂŒr die Arbeit, die an den UniversitĂ€ten geleistet wird, kann man von dieser Vielfalt durchaus auch profitieren. Auch was die Lehre angeht, gibt es gewisse VorzĂŒge: Ich habe Griechisch, AramĂ€isch und HebrĂ€isch noch bei Heinrich von Siebenthal gelernt. Die Sprachen werden an vielen FakultĂ€ten im Vergleich sehr viel stiefmĂŒtterlicher behandelt. Eines wird zumindest garantiert nicht passieren: dass ein Student in Giessen abschliesst und glaubt, dass das punktuelle Schnipsen mit den Fingern am ehesten den Charakter des griechischen Aorists widerspiegelt 
 Da ich die Bedeutung der Methodik in der Exegese im Speziellen und der Theologie im Allgemeinen fĂŒr sehr hoch ansehe, finde ich es rĂŒckblickend ausserdem bemerkenswert, dass sĂ€mtliche Proseminare von erfahrenen Forschern unterrichtet wurden und nicht, wie das sonst oft der Fall ist, von jungen Nachwuchswissenschaftlern, die kaum selbst wissen, wie sie ihr eigenes Projekt angehen sollen. Ob die FTH in mittelfristiger Zukunft Anschluss an den breiteren theologischen Diskurs finden wird, hĂ€ngt in meinen Augen davon ab, inwiefern sie es schafft, die bestehenden StĂ€rken als Alleinstellungsmerkmale weiter auszubauen und zugleich die, zweifelsohne ebenfalls bestehenden, LĂŒcken zu schliessen. Das braucht Engagement und Offenheit zur Korrektur, ist aber vermutlich auch nicht unmöglich.

Woran arbeitest Du momentan in Deiner eigenen Forschung?

Die VerstĂ€ndigung innerhalb der neutestamentlichen Wissenschaft ĂŒber Ärmelkanal und Atlantik hinweg steht ja auch hinter dem GFP-Projekt. In diesem Sinne arbeite ich momentan auch mit Wayne Coppins an der Übersetzung des Lukas-Kommentars (HNT) fĂŒr die Baylor-Mohr Siebeck Reihe. Der erste Band soll dieses Jahr erscheinen.

Was meine eigene Forschung betrifft, so beschĂ€ftige ich mich in einem Schwerpunkt mit der Frage nach der komplexen Interaktion von Paulus mit seinem römischen Umfeld. Eine Studie, welche sich mit den methodischen Voraussetzungen und der generellen PlausibilitĂ€t eines Paradigmas beschĂ€ftigt, welches annimmt, dass Paulus das römische Reich „versteckt“ kritisiert hat, ist letztes Jahr erschienen (Hidden Criticism). Nun habe ich gerade eine umfangreichere Arbeit fertig gestellt, welche sich ganz konkret damit beschĂ€ftigt, was es bedeutet, dass Paulus in 2. Korinther 2,14 anscheinend den römischen Triumphzug als bildspendenden Bereich fĂŒr eine Metapher wĂ€hlt. Die Arbeit wird in der zweiten JahreshĂ€lfte in der Reihe „Biblical Tools and Studies“ bei Peeters erscheinen.

DarĂŒber hinaus arbeite ich momentan im Rahmen eines SNF-Projektes an der Frage, inwiefern narrative Sub-Strukturen die Argumentation des Paulus‘ beeinflussen. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wird die zentrale Passage Römer 6-8 dadurch erhellt, wenn man annimmt, dass Kapitel 6 dem Exodus nachempfunden ist, Kapitel 7 der Gesetzesgabe am Sinai und Kapitel 8 der Landnahme? Auch hier geht es wieder darum, Thesen die in der angelsĂ€chsischen Forschung viel diskutiert werden – auch wieder mit Wright als wichtigem Vertreter – einer kritischen Analyse zu unterziehen und sie methodisch sowie anhand der PrimĂ€rquellen auf ihre Stichhaltigkeit und ihr Potential hin zu untersuchen.

Das klingt wirklich spannend. Ich möchte mich ganz herzlich fĂŒr die Zeit bedanken, die du dir fĂŒr die Fragen genommen hast. Und ich wĂŒnsche dir alles Gute fĂŒr deinen weiteren akademischen und persönlichen Werdegang!

Ihre Fragen und Anmerkungen sind jederzeit willkommen.

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