Leserbrief NWZ: „Nur wenige Kinder ganztags in Kita“ vom 13.09.2017

Sehr geehrter Herr Rittner,

In Ihrem Beitrag vom 13.09. unter der Überschrift „Nur wenige Kinder ganztags in Kita“ schreiben Sie u.a.:

In einigen Großstädten wie Osnabrück oder Wolfsburg ist die Ganztagsbetreuung mittlerweile eher die Regel, denn die Ausnahme. Hier sind 65 bis 70 Prozent der Kinder von morgens bis abends in Kitas oder bei Tagesmüttern.

Da meine Frau und ich mit unseren drei kleinen Kindern bis letztes Jahr in Wolfsburg gelebt haben, dachte ich, ergänze ich etwas Hintergrundwissen über diese Zahlen. Dadurch wird das, was Sie geschrieben haben, nicht negiert, aber vielleicht doch in ein etwas anderes Licht gerückt.

Es ist bestimmt so, dass ein großer Anteil der Eltern in Wolfsburg nach einem Ganztagsplatz fragen und demnach die Nachfrage nach diesem Angebot da ist und dementsprechend auch bedient wird.

Auf der anderen Seite war es unsere Erfahrung, dass das Angebot aus handfesten ökonomischen Gründen immer stärker in Richtung Ganztagsbetreuung eingeschränkt worden ist. In ganz Wolfsburg gab es am Ende nur noch eine handvoll Halbtagsgruppen, die angeboten worden sind. Und das lag nicht an mangelnder Nachfrage nach diesen Plätzen. Wir haben aus erster Hand mitbekommen, wie Halbtagsgruppen in Ganztagsgruppen umgestaltet worden sind – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Mehrheit der Eltern, die das nicht gewollt haben, weil (grob gerechnet) 5 von 25 Eltern sich das so gewünscht haben. Für die Kindergärten bieten Ganztagsgruppen handfeste finanzielle Vorteile und das hat diese Entwicklung stark gefördert.

Wo also kein Angebot vorhanden ist, ist es auch keine Überraschung, dass die Eltern notgedrungen das beinahe ausschließlich vorhandene Ganztagsangebot angenommen haben. Was in der Statistik dann nicht mehr auftaucht, ist, dass viele Eltern ihre Kinder dennoch zur Mittagszeit abholen und nicht ganztags in der KiTa lassen. Diese Kinder werden dennoch als Ganztagskinder geführt.

Dazu kommt natürlich auch ein Rückkoppelungseffekt, der sich dadurch ergibt, dass mit steigendem Anteil an Ganztagsbetreuung die Anzahl der Kinder, die z.B. am Nachmittag für soziale Beziehungen auf Spielplätzen, zu Hause etc. verfügbar sind, immer weiter sinkt. Das hat zur Folge, dass Eltern, die sich für ihre Kinder einen sozialen Austausch wünschen, immer stärker in die Zwangslage kommen, ihre Kinder in die Ganztagsbetreuung zu geben, weil die sozialen Kontakte wo anders nicht mehr verfügbar sind. Und das verstärkt wiederum diesen Kreislauf-Effekt.

Was ich nur deutlich machen möchte ist: Reine Zahlen erzählen eine, aber eben nicht immer die ganze Geschichte. Und nicht immer ist die Entscheidung von Eltern für Ganztagsbetreuung und Kindergartenbesuch ein Ausdruck dafür, dass Eltern das a) wirklich selbstbestimmt wollen und entscheiden und b) der Meinung sind, dass Ganztagsbetreuung wirklich das beste Angebot für ihre Kinder ist und sie sich nicht eigentlich etwas anderes wünschen würden, wenn es praktikabel und verfügbar wäre.

Mit freundlichen Grüßen,

Karl Karzelek

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