Wycliffe und der „Der Sohn Gottes“ im islamischen Kontext

Die „Wycliffe Association (WA)“ – eine Teilgruppe der weltweiten Wycliffe Global Alliance (WGA)hat bekannt gegeben, dass sie nicht mehr Teil der WGA sein wollen. Ausschlag dafür sind die Richtlinien der WGA für die Übersetzung des Begriffes υἱὸς θεοῦ (Der Sohn Gottes) in Bibelübersetzungen für ein muslimisches Zielpublikum.

Eine Cover-Story von Christianity Today von 2011 erklärt sehr ausführlich die Hintergründe dieses Streits.

Im Islam ist es strikt verboten, zu behaupten, Gott hätte einen Sohn.

 The Qur’an explicitly states that God could not have a son. In Arabic, the word ibn („son of“) carries biological connotations. Muslims reject the possibility that God could have produced a son through sexual relations with Mary. Christians confess that Jesus was conceived by the Holy Spirit and born of the Virgin Mary. But this distinction is lost on many Muslims who lack the theological context for understanding nuanced Christian teaching on the Trinity.

The problem, however, far surpasses a theological argument between Muslims and Christians. In fact, the Qur’an (At-Tawba 9:30) says God curses anyone who would utter the ridiculous blasphemy that Jesus could be ibnullâh („a son of God“). Not only do Muslims disagree with Christians about the identity and nature of Jesus, they also incur a curse for even mentioning the phrase „Son of God.“

Einige Missionare und Bibelübersetzer sind der Meinung, dass es der Gebrauch dieser Formulierung in Bibelübersetzungen ist, der Muslime davon abhält, die Bibel zu lesen.

Rick Brown, a Bible scholar and missiologist, has been involved in outreach in Africa and Asia since 1977 and regularly consults on language development and linguistics, including Bible translations. He says pious Muslims would sooner leave the presence of someone who utters the phrase than risk judgment in hell for hearing it. Even those who lack such devout scruples think hearing or reading „Son of God“ will bring bad luck. Many avoid associating with Westerners altogether, regarding them as polytheists who harbor strange views about God’s family.

„Missionaries can live in a Muslim culture for decades, blaming Muslims for being ‚resistant‘ to the gospel, when the problem actually lies with linguistic and cultural stumbling blocks,“ Brown told Christianity Today. „Once these are removed, many Muslims are quite open and interested in knowing more about Jesus.

Die WGA hat in Zusammenarbeit mit der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) einige Richtlinien formuliert, die helfen sollen, mit diesem Problem umzugehen. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass die Beziehung zwischen Gott, dem Vater, und Christus, dem Sohn, nicht durch ganz alternative Formulierungen wie „Christus, der Christus“ ersetzt werden.

Auf der anderen Seite wird aber die Möglichkeit eingeräumt, den Begriff „Sohn Gottes“ durch Ergänzungen von seiner – vor allem im muslimischen Kontext – stark biologischen Konnotation zu trennen. Eine alternative Formulierung könnte „the Beloved Son who comes from God“ sein: Der geliebte Sohn, der von Gott kommt.

Das aber geht einigen Organisationen- wie der Wycliffe Association – bereits zu weit. Sie bestehen auf eine strikt buchstabengetreue Übersetzung der Bibel, auch in dieser Frage.

Hier sieht man die großen Herausforderungen, mit denen Bibelübersetzer sich immer konfrontiert sehen: Woran mache ich eine „bibeltreue“ Übersetzung fest? An der „Worttreue“, dadurch, dass ich mich an den ursprünglichen Wortlaut so genau wie möglich halte? Oder an der „Sinntreue“, dadurch, dass ich mich an die ursprüngliche Aussageabsicht so genau wie möglich halte?

Es gibt Situationen, bei denen beide Prinzipien im Widerstreit miteinander stehen. Da kann die Worttreue dazu führen, dass der ursprüngliche Sinn in der Zielsprache durch die Wortwahl verschleiert wird. Die Sinntreue wiederum kann zu Formulierungen führen, die sich mehr oder weniger von der ursprünglichen Formulierung entfernen.

Die Übersetzung der Bibel ist kein automatisierter Vorgang, bei dem ich vorher ein paar Algorithmen festlege, dann einen Knopf drücke und –  voilà – die Übersetzung ist fertig. Jede Sprache und jede Kultur bietet ihre ganz eigenen Herausforderungen. Bei diesem Prozess wird es immer zu Fehlern und Ausschlägen in die eine oder andere Richtung geben. Und manchmal wird man es Jahre nach der Fertigstellung einer Übersetzung erkennen, welche – positiven oder fatalen – Wirkungen die eigenen Entscheidungen gehabt haben.

Darum ist es wichtig, für die Übersetzer und für die dahinter stehenden Organisationen um Weisheit und Führung zu beten. Sie haben eine unglaublich verantwortliche – und zugleich unglaublich schöne Aufgabe: Das Wort Gottes allen Menschen in ihrer eigenen Sprache verfügbar zu machen.


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