Ich bin vor einigen Tagen auf dieses Zitat von John Stott aus dem Buch „I Believe in Preaching“ gestoßen (S. 69):
It is difficult to imagine the world in the year 2000, by which time versatile microprocessors are likely to be as common as simple calculators are today. We should certainly welcome the fact that the silicone chip will transcend human brain-power, as the machine has transcended human muscle-power. Much less welcome will be the probable reduction of human contact, as the new electronic network renders personal relationships ever less necessary.
In such a dehumanized society, the fellowship of the local church will become increasingly important—whose members meet one another, and listen and talk to one another in person rather than on screen. In this human context of mutual love, the speaking and hearing of the Word of God is also likely to become more necessary for the preservation of our humanness, not less.
John Stott hat diese Zeilen 1982 geschrieben, wenige Jahre nachdem Apple seine ersten Computer vorgestellt hat und fast zeitlich mit dem Erscheinen des ersten IBM PC. Der Mac erschien erst einige Jahre später und PCs begannen erst 10-15 Jahre später wirklich massentauglich zu werden und den Markt zu erobern. John Stott beschreibt hier eine Zukunft, die damals noch im embryonalen Stadium steckte. Nicht nur beschreibt er die breite Präsenz und Verfügbarkeit moderner Computer-Systeme. Er beschreibt gleichzeitig auch die immer stärkere Vernetzung der Menschen durch diese Computer-Systeme. Zu dieser Zeit bestand der Vorläufer des modernen Internet, das ARPANET, aus ca. 200 miteinander vernetzten Server-Computern.
Ich finde es unfassbar faszinierend, wenn es Menschen gelingt wirklich einen Blick in die Zukunft zu werfen. Mich würde es interessieren, wieviele seiner Leser damals gedacht haben, dass der gute Herr Stott es doch ein bißchen übertrieben hat mit seiner Begeisterung und ihm etwas frische Luft gut täte.
Heute sehen wir, dass er vollkommen Recht gehabt hat. Nicht nur sind Computer mit Mikroprozessoren in Form von Smartphones, Smartwatches, Spielekonsolen etc. fast allgegenwärtig. All diese Geräte sind über Wlan, Bluetooth etc. fast ununterbrochen miteinander vernetzt. Und auch wir Menschen sind über diese Geräte durch Soziale Medien, Spiele, Videos, Message-Dienste potentiell zu jeder Zeit miteinander vernetzt.
In der Corona-Zeit erreichte diese technologische Entwicklung in einem massivem Push auch Kirchen und Gemeinden. Aufgrund fehlender Präsenz-Treffen integrierte man Technologien wie Livestreams, Zoom-Meetings etc. Selbst als Präsenz-Treffen wieder eingeschränkt möglich waren, führten manche Gemeinde reine digitale Treffen fort, andere wechselten zu hybriden Formaten, während manche Gemeinden alles digitale wieder ganz zurückgefahren haben.
Auch in unserer Gemeinde haben wir uns damit beschäftigt, ob wir unsere Livestreams weiterführen wollen. Es gab Stimmen in beide Richtungen: Man muss doch mit der Zeit gehen und Livestreams sind eine missionarische Chance – sagen die Einen. Wir müssen nicht alles ins Netz strahlen und die Livestreams halten nur Menschen vom Besuch der Gottesdienste ab – sagen die Anderen.
Ich selbst hatte nie die Sorge davor, dass Livestreams und digitale Medien Menschen vom Gottesdienst abhalten. Aber ich war und bin auch nicht vom Konzept einer „digitalen Kirche“ überzeugt. Ein Livestream kann die Begegnung vor Ort nicht ersetzen. Die stark gestiegenen Besucherzahlen bei uns nach dem Ende der Corona-Zeit bestätigen mich in dieser Einschätzung.
Ich gebe Stott völlig Recht, dass die digitale Vernetzung niemals echte, menschliche Kontakte ersetzen kann. Ich bin überzeugt: Je stärker die digitale Entwicklung durch soziale Medien, KI und Virtuelle Realitäten zunimmt, umso stärker wird bei vielen auch die Unzufriedenheit darüber zunehmen und äquivalent dazu die Sehnsucht nach echten Beziehungen und Begegnungen.
Hier hat die christliche Gemeinschaft eine riesige Chance. Hier darf sie gerne Kontra-Zeitgeistig sein und ihre Gottesdienste – auch vor und nach dem offiziellen „Start“ – ganz bewusst als Orte der echten und authentischen Begegnungen von Menschen miteinander und genauso von Menschen und Gott gestalten und nicht einfach als „Programm-Veranstaltungen“.