Grammatischer Sachverstand siegt im Gericht

Der BGH hat in einem Urteil gegen eine Klägerin entschieden, die juristisch durchsetzen wollte, dass sie von ihrer Sparkasse mit einer femininen Form von Kunde angesprochen wird.

Der BGH hat in seinem Urteil jetzt klargestellt, dass das generische Maskulin keine Diskriminierung darstellt, weil das grammatische Geschlecht nicht identisch ist mit dem biologischen Geschlecht.

Karsten Krogmann von der NWZ kommentiert dieses Urteil treffend:

Das Urteil des Bundesgerichtshofs im Fall einer Frau, die bei ihrer Sparkasse nicht „Kunde“ sein will, sondern als „Kundin“ angesprochen werden möchte, ist eine Nachhilfestunde in Sachen Linguistik. Die Richter erinnern die Frau und die Öffentlichkeit daran, dass das grammatische Geschlecht nichts mit dem biologischen zu tun hat. Das sogenannte generische Maskulinum, etwa im Wort „Kläger“, kennzeichnet eine Personengruppe unabhängig vom Geschlecht. Ein Kläger ist zunächst nicht Mann oder Frau – er ist jemand, der klagt; er ist der Träger der Handlung „klagen“. Wer über „die Menschen“ spricht, also über „sie“, der tut das wie so oft im Plural übrigens in sehr femininer Form – und meint womöglich trotzdem auch Männer.

Und:

Das Urteil des Bundesgerichtshofs war überfällig, weil es zur Mäßigung aufruft. Ja, lasst uns den Kampf gegen Diskriminierung weiterkämpfen – aber bitte nicht länger auf dem falschen Schlachtfeld!

Ich hoffe, dass dieses Urteil auch vor dem Verfassungsgericht Bestand hat und damit auch höchstrichterlich festgehalten wird, was eigentlich grammatisches 1×1 ist.

Ich werde auch weiterhin auf jede Verhunzung und Verundeutlichung der Sprache durch irgendwelche x-Fach Formulierungen und Sternchen, Unterstriche etc. verzichten.

Remembering Billy Graham

Am 21. Februar ist Billy Graham mit 99 Jahren verstorben. Er ist sicherlich der bekannteste Evangelist und Prediger unserer Zeit gewesen.

Aber neben seiner Aufgabe als Evangelist war er auch ein großer Motor für die evangelikale Bewegung als Ganzes. Einen großen Beitrag leistete die „Lausanner Verpflichtung“, die eine Art Manifest der evangelikalen Bewegung darstellt.

Er war aber auch der Gründer des bis heute einflussreichen evangelikalen Magazins „Christianity Today“.

Dieses Magazin hat ihrem Gründer eine sehr ausführliche und tiefgehende Retrospektive gewidmet: „Remembering Billy Graham“.

Das ist eine Fundgrube an Einsichten, Erinnerungen und Analysen über das Leben und Wirken von Billy Graham.

Maischberger: Die Zukunft der Volksparteien

Ich verweigere mich schon lange allen politischen Talk-Shows, weil der Erkenntnisgewinn aus solchen Sendungen homöopathisch-minimal ist.

Gestern habe ich mir dann doch wieder mal Maischberger angesehen, weil das Thema interessant war: Es geht um die Zukunft der Volksparteien. Und weil mit Birgit Kelle ein Gast eingeladen war, der ziemlich quer zum Mainstream steht, aber nicht billig provokativ, sondern artikuliert und mit Sachkenntnis.

Wie erwartet war der Erkenntnisgewinn nicht besonders hoch. Aber einige sehr erhellende Einblicke gab es dann doch.

Alexander Wallasch fasst den entscheidenden Moment auf Tichys Einblick sehr treffend zusammen:

Und das erste Scharmützel passiert nun ausgerechnet zwischen CDU-Grütters und CDU-Kelle, als Grütters sie fragt, warum es denn so wichtig sei, sich von der SPD zu unterscheiden, wenn man doch nur gemeinsam den Bürgerwillen abbilden würde. Als Volkspartei müsse man doch den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen. Barley springt dann überraschend Kelle zur Seite – wenn auch alles andere als freundschaftlich: Klar sei ihre Arbeit im Familienministerium pure SPD-Politik. Und Monika Grütters? Lässt Barley einfach machen! Schweigt und überlässt ihr das Feld. Bezeichnender kann man das ganze Dilemma der vermerkelten CDU nicht präsentieren.

Die Zukunft der Volksparteien: Die Christlich-Sozialdemokratische Partei Deutschlands.

Rheinische Kirche: Muslime nicht mehr missionieren

Die rheinische Kirche hat auf ihrer Synode beschlossen, dass man Muslime nicht mehr missionieren wolle, da auch Muslime sich an den einen Gott gebunden fühlen. Das wolle man anerkennen.

Die rheinische Kirche hat bereits sehr früh auf die Judenmission verzichtet und vor einigen Jahren auch die Idee des Kreuzestodes Jesu als stellvertretenden Sühnetod verworfen.

Ich frage mich, wieso diese Kirche unter dieser Voraussetzung überhaupt noch am Missionsauftrag festhält und was die rheinische Kirche in Zukunft unter Mission versteht? Wer sollte dann noch missioniert werden, auf wen bezieht sich der Missionsauftrag der Kirche?

Früherkennung für Autismus bei Embryonen

Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit und ein Lackmustest für die Humanität unserer Gesellschaft ist der Umgang mit dem Leben und der Frage, welches Leben lebenswert und zumutbar ist.

Seit der großen Abtreibungsdebatte vor einigen Jahrzehnten haben wir es uns daran gewöhnt, dass nicht jedes Leben das gleiche Recht darauf hat, zu existieren und sich zu entfalten. Die Früherkennung für Menschen mit Trisomie-21 (aka „Down-Syndrom“) ist mittlerweile so gut, dass fast keine Kinder mit diesem Gendefekt mehr zu Welt kommen – nicht, weil sie geheilt werden, sondern weil sie bereits im Mutterleib getötet werden, da man weder ihnen noch den Eltern so ein Leben „zumuten“ möchte. Merkwürdig nur, dass die meisten Menschen mit Trisomie-21 gar nicht empfinden, dass ihr Leben für sie eine Zumutung ist.

Jetzt wurde ein genetischer Frühtest für Autismus entwickelt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen soll, ob ein Kind diese Tendenzen aufzeigen wird. Autismus ist dabei eine Entwicklungsstörung, die eine hohe Bandbreite an ganz verschiedenen Symptomen und Ausformungen beinhaltet. Es gibt ganz leichte Formen von Autismus, die im Alltag nur wenig Auswirkungen hat – bis hin zu Extremformen von Autismus, die mit geistiger Behinderung einhergehen. Deshalb spricht man mittlerweile von Autismus-Spektrum-Störung (ASS).

Wenn dieser Frühtest wie bei Trisomie-21 dazu führen wird, dass jedes Baby, das potentiell eine ASS aufweisen könnte, abgetrieben wird, dann ist das ein Drama und ein weiterer Rückschritt unserer Gesellschaft in die Willkür, über das Lebensrecht und den Lebenswert von anderen Menschen zu entscheiden.

Und wie bei allen ethischen Debatten wird es auch hier darum gehen: 1. Jede Entscheidung zu mehr Freiheit in diese Richtung wird die Tür für weitere Freiheiten in Zukunft öffnen, egal wie sehr man beteuert, dass es nur um diesen Grenzfall gehen soll. Daraus resultiert 2. die Frage, wo das enden wird? Wo wird unsere Gesellschaft die Grenzlinien für den Schutz des Lebens ziehen, auch wenn es bedeutet, Einschränkungen in der Lebensqualität hinzunehmen und Unvollkommenheiten auszuhalten? Das vermeintliche Ende der Fahnenstange in ethischen Fragen hat sich oft nur als Nebelwand herausgestellt, die immer weiter nach hinten rückt, je weiter man auf der Fahnenstange vorangeht.

Zeit.de: Glaube und Atheismus

Sehr interessantes Interview in der Zeit über Glaube und Atheismus mit dem Philosophen Andreas Urs Sommer.

Über die Sinnfrage lesen wir da:

Wir schaffen unser eigenes Paradies auf Erden, wenn wir uns nur genug anstrengen.

Sommer betont, dass der Mensch heute viel entspannter mit der Sinnfrage umgeht und diese hohe Aufgabe ihn nicht überlastet, weil er seine Ansprüche heruntergeschraubt habe.

Wenn ich mich aber in unserer Leistungsgesellschaft so umsehe, dann weiß ich nicht, ob ich diese Einschätzung so teilen würde. Ich denke eher, dass die alte Botschaft von der Rechtfertigung aus Glauben und nicht durch Werke mit der Betonung des geschenkten Lebenssinns und -wertes weiterhin sehr aktuell und relevant bleibt.

Recht gebe ich Herrn Sommer aber mit dieser Einschätzung:

In gewisser Weise hat das Christentum sich also mit den Großkirchen selbst überflüssig gemacht. Warum sollten die Leute in die Kirche gehen, wenn da ohnehin nur Banalitäten verkündet werden?

Entweder haben wir eine einzigartige Nachricht, die wir zu den Menschen bringen, oder wir sind nur religiös gefärbte Kultur- und Lebenshilfevereine. Das mag für manche vielleicht nützlich sein, einen echten Unterschied wird das aber nicht machen in dieser Welt.

💡 Bloglexikon: Frakturschrift

Frakturschrift, die – eine besondere typographische Darstellungsform für Buchstaben und Zahlen im Schriftverkehr. Sie wurde im 16 Jhrd – lange bevor es irgendwelche Nazis gab – breit bekannt gemacht und galt seitdem 400 Jahre lang als die „deutsche Schrift“.

Die Frakturschrift gerät immer wieder in Verruf, weil sie als angebliche „Nazischrift“ wahrgenommen wird. Das ist historisch ein sehr bemerkenswerter Rückschluss, wurde die Frakturschrift doch durch Adolf Hitler – Nazi No. 1 im dritten Reich – persönlich durch einen Erlass als undeutsch für den offizielle Amtsgebrauch aus dem Verkehr gezogen. Sie wurde sogar als „Judenschrift“ bezeichnet. Der Einfluss der Nazis im dritten Reich beendete die Ära der Frakturschrift und popularisierte die alternative „Antiqua“ oder auch „lateinische Schrift“ genannte Darstellungsform.

Die geschichtsbewusste Antifa sollte also in ihren Materialien auf diese Nazi-Schrift verzichten und bewusst auf die Vor-Nationalsozialistische Fraktur-Schrift zurückgreifen.

Dislaimer: Da alles um das dritte Reich ein heikles Thema ist, das schnell für Missverständnisse sorgen kann, möchte ich deutlich sagen, dass ich null Sympathien für Nazis oder völkisches Denken hege. Dafür aber umso mehr Sympathien für Geschichtsbewusstsein und Historie.

💬 Der Bedürfnis-Turm und der Aufstieg des Populismus

Ich lese gerade einen alten Klassiker der Kommunikationstheorie, Kommunikationstraining: Zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten von Vera Birkenbihl. Im ersten Teil greift sie auf einen anderen, alten Klassiker zurück: Die Bedürfnis-Pyramide von Maslow.

Dabei taucht folgendes Zitat auf:

Anhand dieses Denk-Modells erkennen wir zweierlei:
1. Alle menschlichen Bedürfnisse lassen sich in fünf Stufen gliedern. Jede Stufe beschreibt eine Kategorie von Bedürfnissen, deren Nicht-Befriedigung jedoch immer ein Defizit herbeiführt.
2. Die »oberen« Stufen können nur so lange realisiert werden, wie die Basis weiterbesteht. Werden einem Menschen die »unteren« Stufen weggezogen, so interessieren ihn die Bedürfnisse der oberen Stufe erst wieder, wenn er das Fundament neu errichtet hat. (Birkenbihl, Vera F.. Kommunikationstraining: Zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten (German Edition) (S.48-49). mvg Verlag.)

Vor allem Punkt 2 ist mir neu bewusst geworden und aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung für die aktuelle politische Gesamtlage, nicht nur in Deutschland, sondern in großen Teilen Europas. Die europäische Schuldenkrise und die Flüchtlingskrise bedrohten das zweite Grundbedürfnis es Menschen: „Sicherheit und Geborgenheit“ und zu einem gewissen Teil auch das 3. Grundbedürfnis „Soziale Bedürfnisse“.

Die Kernbotschaft des politischen Populismus greift diese zwei Grundbedürfnisse auf und verspricht, sie zu befriedigen (ob die Ansätze realistisch und umsetzbar sind ist dabei nebensächlich). Überwiegend ist von Sicherheit die Rede (die Sicherheit des Gewohnten und bekannten, die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Sicherheit auf den Straßen und in den Häusern etc.). Aus Sicherheit entsteht Geborgenheit.

Solange die politischen Verantwortungsträger diese beiden Grundbedürfnisse nicht überzeugend ansprechen und befriedigen, solange wird der Populismus auf fruchtbaren Boden fallen. Und solange diese beiden Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, solange ist der Bürger gar nicht bereit und willens, andere große politische Konzepte und Visionen einer besseren Welt zu hören und sich mit ihnen zu beschäftigen.

Online Plattform Agent*in wird weitergeführt

Die Heinrich-Böll-Stiftung hatte ihre umstrittene Wiki Plattform „Agent*in“ nach kurzer Zeit wieder vom Netz genommen. Sie wurde bekannt als Online-Pranger, weil dort Einträge über vermeintlich anti-feministische und anti-gender orientierte Personen und Institutionen gesammelt werden.

Einer der Redakteure der Plattform hat jetzt angekündigt die Plattform an anderer Stelle weiterführen zu wollen:

Der Soziologe Andreas Kemper kündigte jedoch an, die Redaktion wolle „Agent*In“ eigenständig weiterbetreiben. „Wir werden das Projekt nun in einer überarbeiteten Form fortsetzen“, sagte der Aktivist laut der Szene-Nachrichtenplattform queer.de.

Und weiter heißt es dann:

So sollten die Einträge nicht mehr als Liste dargestellt werden – diese Kritik habe die Redaktion „sehr ernst genommen“.

Wie gut, dass die Redaktion den Hauptkritikpunkt an der Plattform so gut erfasst hat und dieses zentrale Problem beheben möchte. <\Sarkasmus>