Online Plattform Agent*in wird weitergeführt

Die Heinrich-Böll-Stiftung hatte ihre umstrittene Wiki Plattform „Agent*in“ nach kurzer Zeit wieder vom Netz genommen. Sie wurde bekannt als Online-Pranger, weil dort Einträge über vermeintlich anti-feministische und anti-gender orientierte Personen und Institutionen gesammelt werden.

Einer der Redakteure der Plattform hat jetzt angekündigt die Plattform an anderer Stelle weiterführen zu wollen:

Der Soziologe Andreas Kemper kündigte jedoch an, die Redaktion wolle „Agent*In“ eigenständig weiterbetreiben. „Wir werden das Projekt nun in einer überarbeiteten Form fortsetzen“, sagte der Aktivist laut der Szene-Nachrichtenplattform queer.de.

Und weiter heißt es dann:

So sollten die Einträge nicht mehr als Liste dargestellt werden – diese Kritik habe die Redaktion „sehr ernst genommen“.

Wie gut, dass die Redaktion den Hauptkritikpunkt an der Plattform so gut erfasst hat und dieses zentrale Problem beheben möchte. <\Sarkasmus>

💬 Definition von Exegese

Ziel der Exegese ist es, die ursprüngliche Textabsicht für die damaligen Hörer/ Leser reflektiert zu erheben, um zu einer sachgemäßen Übertragung auf heute zu gelangen.

Walter Hilbrands, „Der biblische Schöpfungsbericht in Genesis 1“, in: Genesis, Schöpfung und Evolution.: Beiträge zur Auslegung und Bedeutung des ersten Buchs der Bibel, SCM, 2017.

Evangelisch.de: Interview mit dem Chefredakteur der Siegener Zeitung

„Nimm wichtig, was den Menschen wichtig ist“ – dieser Satz aus seinem Volontariat ist für den Chefredakteur der Siegener Zeitung immer noch ein Leitmotiv. Im Interview mit der Seite Evangelisch.de erklärt er, was die Siegener Zeitung besonders macht. Dazu gehört, dass am Feiertagen selbstverständlich auch geistliche Inhalte auf Seite 1 kommen und die Zeitung auch sonst sehr eng verbunden ist mit der religiösen Prägung des Siegerlandes.

Ich habe eine kurze Zeit im Grenzgebiet zum Siegerland gewohnt und habe die Siegener Zeitung sehr positiv wahrgenommen. Sie ist für mich ein Vorzeigeblatt für gute Lokalpresse, sowohl inhaltlich als auch von der Gestaltung.

PRO: Vom atheistischen Wissenschaftler zum gläubigen Evolutionskritiker

Ein sehr interessanter Artikel über einen Evolutionswissenschaftler, der eine Ausstellung über Evolution gestaltet hat. Dort wurde auch kreationistische Literatur ausgestellt, um zu demonstrieren, wie unterlegen der Kreationismus der Evolutionstheorie ist. Günther Bechly hat aber einen Fehler gemacht, der einem guten Wissenschaftler nicht passieren sollte: Er hat die kreationistische Literatur tatsächlich gelesen. Da hat jemand im Grundkurs Evolutionsbiologie I nicht aufgepasst, wo davor deutlich gewarnt wird.

Durch die Lektüre fand er dann heraus, dass Kreationisten nicht einfach nur Bibelverse zitieren, sondern tatsächlich auch wissenschaftliche Argumente für ihre Überzeugungen anführen.

Aber lest euch den Bericht am Besten selbst durch. Sehr spannend!

NWZ: Zwei Kommentare zum Umgang mit der AfD

Es ist sehr erfrischend, wenn man eine ordentliche Lokalzeitung vor Ort hat, in der nicht nur Presseticker-Texte kopiert, sondern auch echte Redakteure Bewertungen und Analysen mit einbringen.

Heute las ich dort zwei erfreuliche Kommentare, die reflektierend und selbstkritisch den bisherigen Umgang mit der AfD beleuchten und bewerten.

Der erste Kommentar von Karsten Krogmann lautet „Die Wut der ganz normalen Leute“. In seinem Kommentar beleuchtet er die Gründe dafür, dass ganz normale Menschen™ – also keine rechtsradikalen Hetzer und Nazis – die AfD gewählt haben:

Er und die meisten anderen Bekannten verdienen ebenfalls keine Reichtümer, sie haben es aber zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Sie haben ein Haus gebaut, sie haben Autos gekauft, sie fahren in den Urlaub. Dafür arbeiten und sparen sie, häufig seit sie 15 Jahre alt sind. Für ihr Haus zahlen sie Kredite ab, die bis zu ihrem Renteneintritt laufen (wann wird das eigentlich sein?).
Keiner meiner Gesprächspartner hat jemals Geld vom Staat bekommen. Sie lehnen es ab, Leistungen ohne Gegenleistungen zu beziehen. Zulassen würden sie das nur im Notfall, bei krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit zum Beispiel. Für solche Notfälle zahlen sie seit Jahren in die Sozialkassen ein. Eine dieser Kassen war die Arbeitslosenversicherung, sie ist sozusagen verschwunden.
Dann kamen die Flüchtlinge nach Deutschland. Menschen, die Leistungen beziehen, ohne dafür zu arbeiten. Familien, denen Deutschland fertig eingerichtete Häuser bereitstellt. Für viele Bekannte fühlt sich das falsch an. Das Gefühl, das sie dabei haben, ist nicht Fremdenhass. Es ist: Ungerechtigkeit.

Und:

Vielleicht kann man es so sagen: Die Bekannten, mit denen ich sprach, haben das Gefühl, dass sie ihren Halt in Deutschland verlieren. Sie haben das Gefühl, dass die Eliten in Politik und Medien sie nicht verstehen. Ehe für alle? Parteien und Presse schienen sich einig: richtig so! Das mag es sein – es widerspricht aber allem, was meine Bekannten in ihrer Jugend gehört hatten.
Was ich von meinen Bekannten höre, ist: Wut. Über die Arroganz der Eliten, über ihre Weltferne.

Der zweite Kommentar wurde von Thomas Haselier verfasst unter der Überschrift: „Medien als Steigbügelhalter der AfD?“.

Er greift den Kommentar von Joachim Herrmann in der Elefantenrunde nach der Wahl über die Rolle der Medien beim Aufstieg der AfD auf. Anders aber als die Journalisten in der Talkrunde – die diesen Kommentar sinngemäß mit der Aussage abtaten: „Wir stehen heute Abend nicht zur Debatte“ – stellt sich der Redakteur dieser Kritik in wohltuend ehrlicher Weise:

Tragen wir, die Journalisten, tatsächlich ein Stück Mitverantwortung dafür, dass nunmehr eine zumindest in Teilen rechtsradikale Partei erschreckend stark im Bundestag vertreten ist? Das gilt es aufzuarbeiten.
Eine Partei, die auf Tabubruch spezialisiert ist, hat es mit dieser Strategie zweifellos geschafft, im Verhältnis zu ihrer Bedeutung weitaus mehr Sendezeit im Fernsehen und Platz auf den Zeitungsseiten zu bekommen als alle anderen Parteien zusammen. Anders gesagt: Gauland & Co. hielten den Medien viele Stöckchen hin, und alle sind brav gesprungen. Die AfD gab die monokausale Thematik vor, sie beherrschte die Medienlandschaft.

Und:

Wir Journalisten sind aufgerufen, nun besonders sorgsam mit Sprache umzugehen, nicht automatisch Sprachregelungen und -schöpfungen der AfD (und auch der anderen Parteien!) zu übernehmen. Nur dann kann es gelingen, wirklich wichtige Inhalte zu thematisieren, statt sich ungewollt zum Handlanger eines erbärmlich gehaltlosen Rechtspopulismus zu machen.

In den letzten zwei bis drei Tagen stelle ich hier und da einen Wechsel im Tonfall gegenüber der AfD fest. Nicht, dass man sie anfängt positiver zu beurteilen. Aber einige fangen an zu hinterfragen, ob ein rein destruktiver Umgang im Ton und Auftreten gegenüber der AfD wirklich hilfreich war und ist.

Den größten Gefallen würden Politik und Medien der AfD tun, wenn sie weiter wie bisher auf die Provokationen und Themen der AfD reagieren würden: In jedes Schienbein beißen, dass einem entgegengestreckt wird. Ich bin kein Freund der AfD, aber ich habe gemerkt, wie selbst mich das aufgeregt hat, wie arrogant, ungerecht und abwertend viele Journalisten und Politiker mit Vertretern und auch Wählern der AfD umgegangen sind.

Vor allem der Umgang mit den Wählern ärgert mich und ist aus meiner Sicht absolut kontraproduktiv: Woher kommen diese Wähler denn? Das waren ja nicht alles Nicht-Wähler vor der Wahl. Die haben vorher die anderen Parteien gewählt, die sie jetzt beschimpfen. Aber welcher Wähler wird denn erwägen, sich seiner alten Partei zuzuwenden, wenn man von dieser als Nazi und Hohlkopf beschimpft wird? Auf das Stockholm-Syndrom – oder Fachpsychologisch: auf die Identifikation mit dem Aggressor – bei den Wählern zu hoffen ist da etwas dünn aus meiner Sicht und verspricht wenig Erfolg.

Schweden: Lieber Vollzeitmutter als Vollzeitarbeiten

Schweden gilt als Vorzeigeland für Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die überwiegende Mehrheit der Frauen arbeitet Vollzeit.

Aber wenn man hinter die Kulissen schaut, dann zeigt sich ein anderes Bild: 45% der Frauen wären lieber Vollzeitmutter als Vollzeitarbeitend. Aber sie empfinden einen hohen gesellschaftlichen Druck, zur Arbeit gehen zu müssen. Und die Steuerpolitik des Landes verstärkt das zusätzlich.

„Ihnen geht es wie mir damals, sie sehen keine Alternative“, sagt sie. „Außerdem steht man als Hausfrau unter permanentem Rechtfertigungsdruck.“ Wenn sie vormittags mit ihrem Sohn einkaufen gehe, werde sie schräg angeschaut. Wenn sie nachmittags auf dem Spielplatz seien, vermisse ihr Sohn seine Freunde. „Die sind dann ja alle noch im Kindergarten.“ Und in den Sommerferien langweilten sich ihre Kinder, weil die anderen den Tag im Freizeitheim verbringen. „Dort bekommt man aber nur einen Platz, wenn beide Eltern arbeiten.“

In Foren tauschen sich Frauen darüber aus, dass sie sich lieber zu Hause um die Kinder kümmern möchten, als arbeiten zu gehen.

“Tief im Herzen habe ich den Wunsch, mit meinen Kindern in Vollzeit zu Hause zu sein.“ Und fragt: „Gibt es noch andere, die im Jahr 2017 in diese Richtung denken? Ich fühle mich unter Druck, mich anzupassen als moderne, starke Frau mit einer Karriere – während ich im Innersten lieber eine Hausfrau im Stil der fünfziger Jahre wäre.“

Ist das wirklich das, was sich linke Ideologen unter einer selbstbestimmten Lebensweise vorstellen, die sie immer fördern wollen?

Ja, früher gab es einen hohen gesellschaftlichen Druck für Frauen, bestimmte Lebenswege einzuschlagen und es war schwer bis unmöglich, daraus auszubrechen. Das war nicht richtig und es ist gut, dass sich das geändert hat.

Heute gibt es aber oft weiterhin einen hohen gesellschaftlichen Druck, bestimmte Lebensentscheidungen zu treffen, nur aus einer anderen Richtung und mit anderen Lebensentwürfen.

Und das ist kein wirklicher Fortschritt. Ein Korsett bleibt ein Korsett, egal wie man es anpinselt und benennt.

Leserbrief NWZ: „Nur wenige Kinder ganztags in Kita“ vom 13.09.2017

Sehr geehrter Herr Rittner,

In Ihrem Beitrag vom 13.09. unter der Überschrift „Nur wenige Kinder ganztags in Kita“ schreiben Sie u.a.:

In einigen Großstädten wie Osnabrück oder Wolfsburg ist die Ganztagsbetreuung mittlerweile eher die Regel, denn die Ausnahme. Hier sind 65 bis 70 Prozent der Kinder von morgens bis abends in Kitas oder bei Tagesmüttern.

Da meine Frau und ich mit unseren drei kleinen Kindern bis letztes Jahr in Wolfsburg gelebt haben, dachte ich, ergänze ich etwas Hintergrundwissen über diese Zahlen. Dadurch wird das, was Sie geschrieben haben, nicht negiert, aber vielleicht doch in ein etwas anderes Licht gerückt.

Es ist bestimmt so, dass ein großer Anteil der Eltern in Wolfsburg nach einem Ganztagsplatz fragen und demnach die Nachfrage nach diesem Angebot da ist und dementsprechend auch bedient wird.

Auf der anderen Seite war es unsere Erfahrung, dass das Angebot aus handfesten ökonomischen Gründen immer stärker in Richtung Ganztagsbetreuung eingeschränkt worden ist. In ganz Wolfsburg gab es am Ende nur noch eine handvoll Halbtagsgruppen, die angeboten worden sind. Und das lag nicht an mangelnder Nachfrage nach diesen Plätzen. Wir haben aus erster Hand mitbekommen, wie Halbtagsgruppen in Ganztagsgruppen umgestaltet worden sind – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Mehrheit der Eltern, die das nicht gewollt haben, weil (grob gerechnet) 5 von 25 Eltern sich das so gewünscht haben. Für die Kindergärten bieten Ganztagsgruppen handfeste finanzielle Vorteile und das hat diese Entwicklung stark gefördert.

Wo also kein Angebot vorhanden ist, ist es auch keine Überraschung, dass die Eltern notgedrungen das beinahe ausschließlich vorhandene Ganztagsangebot angenommen haben. Was in der Statistik dann nicht mehr auftaucht, ist, dass viele Eltern ihre Kinder dennoch zur Mittagszeit abholen und nicht ganztags in der KiTa lassen. Diese Kinder werden dennoch als Ganztagskinder geführt.

Dazu kommt natürlich auch ein Rückkoppelungseffekt, der sich dadurch ergibt, dass mit steigendem Anteil an Ganztagsbetreuung die Anzahl der Kinder, die z.B. am Nachmittag für soziale Beziehungen auf Spielplätzen, zu Hause etc. verfügbar sind, immer weiter sinkt. Das hat zur Folge, dass Eltern, die sich für ihre Kinder einen sozialen Austausch wünschen, immer stärker in die Zwangslage kommen, ihre Kinder in die Ganztagsbetreuung zu geben, weil die sozialen Kontakte wo anders nicht mehr verfügbar sind. Und das verstärkt wiederum diesen Kreislauf-Effekt.

Was ich nur deutlich machen möchte ist: Reine Zahlen erzählen eine, aber eben nicht immer die ganze Geschichte. Und nicht immer ist die Entscheidung von Eltern für Ganztagsbetreuung und Kindergartenbesuch ein Ausdruck dafür, dass Eltern das a) wirklich selbstbestimmt wollen und entscheiden und b) der Meinung sind, dass Ganztagsbetreuung wirklich das beste Angebot für ihre Kinder ist und sie sich nicht eigentlich etwas anderes wünschen würden, wenn es praktikabel und verfügbar wäre.

Mit freundlichen Grüßen,

Karl Karzelek