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April 2016
Die „Lügenpresse“ meldet sich zu Wort
Auf der Webseite Lügenpresse.de melden sich 20 Journalisten per Video zu Wort und wehren sich gegen den Lügenpresse-Vorwurf, der in den letzten Monaten immer wieder erhoben worden ist.
Marcus Klöckner reflektiert die Videos sehr ausgewogen und selbstkritisch auf Telepolis. Unter anderem kritisiert er einige Videos, die einen naiven Journalismus postulieren, der so der Realität nicht entspricht und den Journalismus-Kritikern direkt in die Hände spielt. Da ist zum Beispiel die Aussage von Tobias Wolf von der Sächsischen Zeitung: „Wir schreiben, was ist“.
Dazu Klöckner:
Wenn etwa ein Journalist der Sächsischen Zeitung sagt, dass „wir schreiben, was ist“, wird mit einer sloganartigen Formulierung der hochkomplexe und zugleich mit vielen Problemen beladene Prozess der journalistischen Realitätsabbildung und Realitätsschaffung außer Acht gelassen. So wenig wie ein Bild wirklich die Realität unverzerrt abbilden kann (z.B. bestimmt alleine bereits der Ausschnitt, was zu sehen, was nicht zu sehen ist), so wenig kann ein Journalismus maßstabsgetreu zeigen, „was ist“.
Das, was an den Leser, den Zuschauer, den Hörer herangetragen wird, also das, „was (angeblich) ist“, ist sehr stark vom Blick, der darauf veranschlagt wird, geprägt. Filter, die sich alleine schon durch die verschiedenen Formen der Sozialisation entwickelt haben, lenken oft genug den Blick der Akteure, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Diese Einflüsse machen sich schließlich, auf die eine oder andere Weise, auch in dem bemerkbar, was auf journalistische Weise „gezeigt wird“. Wer sagt, dass Journalisten zeigen können „was ist“, überschätzt nicht nur weit die Möglichkeiten, die Medien haben, er ignoriert auch eine Kritik, die hinterfragt, wie objektiv Journalismus überhaupt sein kann.
Mit einer so vereinfachenden Beschreibung der journalistischen Arbeit wie Wolf sie präsentiert tut sich die Zunft selbst keinen Gefallen.
Genauso auch eine Aussage darüber, dass Medien nicht „gesteuert“ wären.
Dazu Klöckner:
Der Vorwurf einer „gesteuerten Presse“ wird als unhaltbar abgetan, weil sich die persönliche Erfahrung, die besagt, dass „niemand steuert“, man weitestgehend freie Hand bei der Berichterstattung hat, dem Vorwurf entgegenhalten lässt. Ausgeblendet wird so allerdings, dass die Vorstellungen von so manchem Medienkritiker, die Presse müsse von einer Art unsichtbaren Hand geführt werden, nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Wer sagt, dass „die Medien“ nicht gesteuert werden, blendet aus, dass auch „freie Medien“ einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt sind, die direkte und indirekte Auswirkungen auf Programme, auf den Journalismus, auf Berichterstattung haben.
Und weiter:
Doch diese „Eingriffe“, die hier vermutet werden, gehen nicht auf eine verschworene Gruppe zurück, die hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hält. Die Homogenität, die Einseitigkeit, die Voreingenommenheit in der Berichterstattung hat vielmehr mit einem journalistischen Feld zu tun, dessen Zusammensetzung selbst alles andere als ein Musterbeispiel für soziale Vielfalt ist. Immer wieder haben Studien aufgezeigt, dass das journalistische Feld seine Mitglieder vor allem aus den gehobenen Schichten der Gesellschaft rekrutiert. Anders gesagt: Insbesondere auf den oberen Rängen in den Medien finden sich viele Akteure, die mit einem sehr ähnlichen Blick auf die Welt und die Gesellschaft schauen.
Aufschlussreich ist dazu auch ein Interview im Kölner Stadtanzeiger Serdar Somuncu:
Somuncu: Das Thema wird sehr ungern in Deutschland besprochen, aber es ist Realität, es gibt Zensur. Und das spielt leider sogar denen in die Karten, die „Lügenpresse“ schreien. Es wird viel selektiert, es wird gestrichen und zensiert. Redakteure bestimmen über den Geschmack der Leute. Und wenn es eine Instanz gibt, die bestimmt, was gesendet wird, dann ist das kein internes Verfahren zur Qualitätssicherung, sondern Manipulation von Bildern und Aussagen. Ich habe das an vorderster Front erfahren. Weil ich die mir zugedachte Rolle des Pöbel-Türken irgendwann nicht mehr spielen wollte.
Wo haben Sie das erlebt?
Somuncu: Am schlimmsten ist es bei den Öffentlich-Rechtlichen, wo auch noch ein institutioneller Druck existiert. Beim WDR etwa wird wie im Politbüro zensiert. Da werden eigene Befindlichkeiten zum Maßstab dessen gemacht, was später zu sehen ist. Das ist ein Unding. Da muss man als Künstler sagen: „Ihr profitiert von uns. Ihr nehmt unsere Kunst und steckt sie euch in die Tasche. Und verdient an uns sogar Geld. Dann respektiert uns auch.“ Und das tun viele Leute nicht. Man mutet den Künstlern zu viel zu. Und die Künstler sind leider oft zu ängstlich. Totalitäre Systeme funktionieren immer nur über Angst.
Es gibt aber auch positive Ausnahmen auf Lügenpresse.de:
Die Aussagen in den Videos sind dann aber zumindest teilweise doch differenzierter, als es die Webseite auf den ersten Blick vermuten lässt. So erkennt etwa Anne Fischer vom Online-Magazin Sputnika, dass „im Journalismus nicht alles ok“ ist, und bemerkt, dass es eine „breite Masse“ an Menschen gibt, die sich von den Medien nicht mehr repräsentiert fühlen.
Die freie Journalistin Doreen Reinhard führt außerdem aus, dass man durchaus auch mit den Kritikern auf der Straße reden könne, wenn das Geschrei von der Lügenpresse abgeebbt sei.
Peter Stawowy, der ehemalige Chefredakteur der Jugendzeitschrift Spiesser, weiß davon zu berichten, dass er im Zusammenhang mit dem „Projekt Spiesser“ einmal beobachten konnte, wie viele Medien einem Bericht des Leitmediums Spiegel einfach gefolgt sind, ohne diesen eigenständig zu hinterfragen. Außerdem regt er an, dass seine Zunft den Vorwurf von der Lügenpresse auch aufnehmen könne, um die eigene Arbeit einer selbstkritischeren Betrachtung zu unterziehen.
Der Wille zur Macht und die Rolle der Frau in der Gemeinde
Komplementarianismus – ein komplizierter Begriff. Mit dem Begriff wird die theologische Position beschrieben, die besagt, dass Frauen und Männer zwar gleichberechtigt sind, aber nicht gleichartig und sie in der Gemeinde auch nicht die gleichen Verantwortungen übernehmen sollen. In ihrer Unterschiedlichkeit sind beide Geschlechter nicht austauschbar, sondern ergänzen (komplementieren) sich.
Wie man sich vorstellen kann, ist das eine in unserer Zeit immer unpopulärere Überzeugung. Das gilt natürlich auch für christliche Kreise.
Vor kurzem hat Kevin DeYoung von „The Gospel Coalition“ einen Eintrag zum Thema „9Marks of Complementarianism“ veröffentlicht.
Scot McKnight hat in einem Beitrag seinerseits auf den Beitrag von DeYoung reagiert. Er zitiert den ganzen Beitrag von DeYoung und kommentiert dann die einzelnen Aussagen.
Ich möchte nicht auf die einzelnen Aussagen von DeYoung oder McKnight eingehen. Wer sich dafür interessiert, kann die Beiträge lesen. Manche Anfragen von McKnight sind gut, andere eher schwach.
Aber ein Gedanke von McKnight hat etwas in mir angestoßen, was mich schon längere Zeit bewegt.
In his understanding of complementarianism it is unjust to represent complementarianism in terms of only worth and roles, for those roles are shaped by hierarchy in those same circles. It is not hard to argue that hierarchy determines roles. Complementarianism, as understood by complementarians, entails patriarchy and hierarchy, not just worth and roles.
McKnight sieht eine enge Verbindung zwischen Komplementarianismus und einer patriarchalischen Hierarchie in der Gemeinde. Es gibt einen Autoritätskreislauf, der so läuft:
- Männer haben als Gemeindeleitung das letzte Wort in Auslegungsfragen in der Gemeinde
- Männer treffen als Gemeindeleiter die Auslegungsentscheidung, dass das Gemeindeleitungsamt nur Männern offensteht
- Männer haben als Gemeindeleitung das letzte Wort in Auslegungsfragen in der Gemeinde
- Usw. …
Wenn der Komplementarianismus sich nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, ein Vorwand für den eigenen Willen zur Macht einer männlichen Clique zu sein, dann muss er diese Gefahr erkennen und ernst nehmen.
Wenn eine Gemeinde sich also dieser Position anschließt oder diese Position bestätigt, dann sollte es nicht das Resultat einer einsamen Machtentscheidung einer Gruppe von Männern sein, die den Eindruck erwecken, nur ihre eigenen Pfründe schützen zu wollen.
Vielmehr sollte so eine Entscheidung das Ergebnis einer gemeinsamen Erkenntnis eines Großteil der Gemeinde sein, ganz besonders auch der Frauen, die sich frei fühlen müssen, zu einer eigenen Überzeugung gelangen zu dürfen. Dann kann der Komplementarianismus die Vorwürfe durchbrechen, nur ein Vorwand für den Erhalt einer patriarchalischen Machstruktur zu sein.
➡️ Zeit: Angekommen
Sehr interessanter Einblick in eine russlanddeutsche Familie, die 1990 nach Deutschland zurückgekommen ist. Auch unter russlanddeutschen gibt es eine große Bandbreite an Erfahrungen und unterschiedlichen Untergruppen. Darum kann man nicht alle Erlebnisse über einen Kamm scheren. Aber ich denke, viele werden sich in dem, was dort beschrieben ist, wiederfinden.
📚 Longenecker: Sechs Thesen aus seinem Römerkommentar
Die „New International Greek Testament Commentary (NIGTC)“ Reihe gehört zu den technischsten Kommentarreihen überhaupt auf dem Markt. Wie der Reihentitel andeutet, arbeitet die Reihe direkt am griechischen Text und macht in dem Bereich auch keine Kompromisse. Wer keine Griechisch-Kenntnisse mitbringt, ist relativ aufgeschmissen.
Wer damit aber klarkommt, für den ist es eine der Top-Adressen, wenn es um die Auslegung des Neuen Testaments geht. Was sich natürlich leider auch im Preis widerspiegelt.
Jetzt ist ein weiterer großer Band in der Reihe erschienen, nämlich der Römerkommentar von Longenecker. Dessen Galater-Kommentar in der WBC Reihe gehört auch nach 26 Jahren immer noch zu den Besten über dieses Buch. Dementsprechend ist die Vorfreude auf seinen großen Römerkommentar groß.
Jetzt hat Longenecker selbst sechs Hauptthesen aus seinem Kommentar herausgearbeitet. Man kann sie in ausführlicher Variante mit Erklärungen auf dem Eerdmanns Blog nachlesen. Ich gebe die sechs Thesen in (grober) deutscher Übersetzung hier wieder:
- Die Jesus-Gläubigen in Rom zur Zeit von Paulus orientierten sich an der Muttergemeinde in Jerusalem mit Blick auf ihre christliche Theologie, Frömmigkeit und Ethik.
- Paulus verfolgte mindestens fünf Absichten mit seinem Schreiben an die Jesus-Gläubigen in Rom.
- Paulus schreibt zu den Christen in Rom in einer Weise, die der Form eines „Logos Protreptikos“ eines antiken philosophischen Briefes nahekommt (das bedeutet, ein „Wort [oder ‘Rede’] der Ermahnung) – so wie es Klaus Berger, Stanley Stowers, David Aune, Anthony Guerra und Christopher Bryan vorgeschlagen und weiterentwickelt haben.
- Paulus erarbeitet (1) drei große Teilbereiche in seinem Brief (2:16–4:25; 5:1–8:39; 9:1–11:36), die sich an drei verschiedene Gruppen richten (Juden, Heiden und eine gemischte Gruppen von jüdischen und heidnischen Gläubigen), worauf sich (2) ein vierter Teilabschnitt anschließt (12:1–15:33), der allgemeine christlich-ethische Ermahnung enthält, die der Apostel offensichtlich bereits in seiner früheren christlichen Mission an heidnische Nichtjuden verkündet hat – zusammen mit einem weiteren Abschnitt an Ermahnungen, die sich auf das Zusammenleben der Jesus-Gläubigen in ihren jeweiligen Zusammenkünften beziehen.
- In den vier Abschnitten der apostolischen „Rede der Ermahnung“ im Hauptteil des Römerbriefs 1:16-4:25, 5:1-8:39, 9:1-11:36 und 12:1-15:33 verwendet Paulus Material, das er bereits früher gepredigt hat, und zwar (1) zu den Juden (1:16–4:25), (2) zu Heiden ohne jeglichen jüdischen Hintergrund (5:1–8:39) und (3) zu einer gemischten Versammlung von Menschen mit jüdischem und heidnischen Hintergrund im syrischen Antiochsen (9:1–11:36) – im vierten Abschnitt des Briefes (12:1–15:33) kontextualisiert er das christliche Evangelium einerseits allgemein und dann sehr speziell.
- In diesen Kontextualisierungen im Brief des Apostels zu Gläubigen im 1. Jhrd. in Rom (1) ermutigt Paulus einerseits die Gläubigen der Gegenwart es in ihrem christlichen Denken, Leben und Dienst genauso zu handhaben, und (2) formuliert er Grundsätze dafür, wie wir es in unserer eigenen philosophischen und kulturellen Situation heute ähnlich handhaben können.